Rock’n'Techno-Story des Monats von Axel Klingenberg
August 29, 2008
Eine kleine Nachtmusik
Wupp.
In regelmäßigen Abständen wurde ich durch die Luft geworfen. Wupp. Wupp. Wupp.
Pause.
Ich entspannte mich. Vorbei. Endlich vorbei.
WUPP. WUPP. WUPP. Ich fühlte die Stöße, die vom Fußboden ausgingen, noch deutlicher.
Seit Anfang des Monats hatten wir neue Nachbarn. Unter uns waren zwei Leute eingezogen, die noch jünger waren als wir.
Ihr Musikgeschmack war dementsprechend.
Techno. Tag und Nacht dröhnte diese Musik durch ihre Wohnung.
Na ja, eigentlich nur nachts, denn tagsüber schliefen sie ja, als Kunststudenten hatten sie wohl nicht allzu viele Verpflichtungen.
WUPP. WUPP. WUPP.
Es reichte mir.
Ich bemühte mich, nicht wütend zu werden, man will ja nicht als spießig gelten. Schließlich war unsere kleine Straße ein Reservat, ein Rückzugsgebiet vor den bürgerlichen Konventionen. Wir nannten es zärtlich: „das Ghetto“.
WUPP. WUPP. WUPP.
Ich kam nicht drumherum. Ich musste runtergehen, um sie zu bitten, die Musik leiser zu machen, schließlich sollte ich am nächsten Morgen ein Referat über Jean-Paul Sartre und den Existentialismus halten.
WUPP. WUPP. WUPP.
Meine derzeitiges In-die-Welt-geworfen-sein wollte mir jedenfalls gar nicht gefallen.
WUPPAWUPPAWUPPA.
Die Musik war deutlich schneller geworden. Der Endspurt!
Tatsächlich.
Plötzlich war es still.
WUPP!!!!
Die Musik war noch lauter geworden, von jetzt auf gleich. Fast wäre ich aus dem Bett gefallen bzw. vom Futon gerollt.
Nun gut, musste ich also doch aufstehen und runtergehen.
Ich zog mir notdürftig etwas über, schlüpfte in meine braun-karierten Pantoffeln, die tagtäglich das Ziel des freundlichen Spotts meiner beiden Mitbewohner waren.
Hmmm, ich zog sie wieder aus und schlüpfte in meine American Allstar. Auch bzw. gerade in so einer Situation sollte man möglichst cool aussehen. Bloß keine Blöße geben.
Als ich an der Wohnungstür unten klingelte, passierte erst einmal gar nichts. Und dann immer noch nichts. Es war auch gar nichts zu hören in der Wohnung.
Auch auf mein sekündlich mutiger werdendes Klopfen hin öffnete niemand die Tür.
Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, wurde sie doch noch einen Spaltbreit geöffnet.
„Jaaa?“, fragte meine Nachbarin. Ihre Stimme klang schläfrig, aber nicht verschlafen.
„Ähh, könnt Ihr vielleicht… also eventuell, die Musik…“, begann ich vorsichtig meine Rechte auf nächtlichen Schlaf einzufordern, als ich bemerkte, dass die Musik nur dezent vor sich hinplätscherte, „…leiser machen?“
Sie sah mich verständnislos an.
„Oder die Bässe raus drehen?“, sagte ich dann, denn mir wurde schlagartig klar, dass es nicht die Lautstärke war, die störte, sondern die Bässe als solche. Verdammte Subwoofer.
„Klar, kein Problem“, antwortete sie.
„Wer war denn das?“, hörte ich noch eine andere Stimme aus dem Hintergrund fragen.
„Einer von den Alten von oben“, konnte ich sie noch antworten hören, bevor die Tür ins Schloss fiel.
Oben auf meinem Futon liegend, genoss ich die Stille und dachte darüber nach, woher der Ekel Sartres gekommen war. Von über- und vorlauten Nachbarn vielleicht? Und war hier auch der Grund dafür zu finden, warum er es bis zu seinem Tode vermied, einen festen Wohnsitz zu haben und lieber in Hotelzimmern schlief?
Ich halte das für eine durchaus plausible These, der ich eine genauere Untersuchung wünschen würde.
Lesetipp
August 18, 2008
Guten Tag,
„das Jahr herbstelt“ (Nietzsche), zumindest jedoch fallen große, traurige Regentropfen vom Himmel. Zeit also, den Blick vom Himmel abzuwenden und auf ein gutes Buch zu lenken. Und auf welches? Natürlich auf das Standardwerk der Bumsdorfer Gerüchteküche, auf „Gute Verlierer – Geschichten und Glossen“, das ich hier selbstlos (ich bin mit dem Autor weder verwandt noch verschwägert, sondern bloß identisch) vorstellen bzw. vorstellen lassen möchte, indem ich die Damen und Herren von der Presse zu Wort kommen lassen.
Das Buch sei „(e)ine wirklich schöne Lektüre!“ meint das Plastic Bomb, das Subway hält es für „…empfehlenswert…“ und GIGA TV lobt den „ziemlich trockenen Humor“. Meine liebste Rezension ist jedoch im Trust erschienen. Dort heißt es nämlich (und ich bin zu bescheiden, um widersprechen zu wollen): „Mit viel Selbstironie, mit der Fähigkeit über sich selbst lachen zu können, null die Bohne aufgeblasen, bekommt man hier Stories von sympathischen Verlierern präsentiert, die sich lesen lassen, wie wenn man streichzarte Butter auf frischen Pumpernickel platziert. Wem Max Goldt zu konservativ geworden ist, dem sei Axel Klingenberg sehr empfohlen.“ Auch die Federwelt macht sich übrigens so ihre Gedanken über den Autoren und warnt: „„Arbeit? Privatleben? Sex? Lieber nicht danach fragen.“
Die „Guten Verlierer“ sind im Verlag Andreas Reiffer erschienen und auch dort erhältlich: www.subh.de. Sie können aber natürlich auch in jeder Buchhandlung für 10,- Euro erworben werden: www.buchhandel.de.
Schöne Grüße
Axel Klingenberg
Rock’n'Roll-Story des Monats von Axel Klingenberg
August 12, 2008
Let there be Rock
Im Leben eines jeden Menschen kommt die Zeit, in der er sich löst von Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Oma und Opa. Dann sind nicht mehr Mama und Papa die großen Vorbilder, sondern ganz andere Personen bieten Orientierung und Stütze. Bei mir war das Bon Scott, der Sänger von AC/DC, der diese Funktion bereitwillig, wenn auch tot, übernahm. Er war nämlich kurz bevor ich ihn für mich entdeckte verstorben – viel zu jung war er dem Rock’n’Roll-Star-Tod erlegen und an seinem Erbrochenen erstickt. Was für ein Mann!
Er war eben auf dem Highway to hell gewesen, denn er wusste: Hell ain’t a bad place to be. Und um dort hinzukommen, nimmt man auch gerne eine Overdose zu sich. So ist das, wenn man ein Rocker ist und ein Problem Child. Und das wollte ich jetzt auch sein!
Ich gab mir auch alle Mühe, begann zu rauchen und zu saufen, hörte Hardrock und Heavy Metal, während ich in der norddeutschen Tiefebene hockte, in der tiefsten protestantischsten Provinz also, wo es schon provokant war, sich sein kariertes Hemd nicht in die Hose zu stecken, wenn man sonntags in die Kirche ging, um doch noch konfirmiert und mit einem vierstelligen D-Mark-Betrag belohnt zu werden.
Das erstmalige Hören von AC/DC glich einem Initiationsritus, danach war die Welt nicht mehr, wie sie vorher war. Hier zeigte sich der Schmutz, der Unrat und der Dreck der Straßen – und er war so schön. Und so laut! Auf den Scheunenparties spielten wir Luftgitarre, wälzten uns (gleich unserem Gitarrengott Angus Young) auf dem staubigen Boden und ließen den harten Mann raushängen. Ja, wir trugen Springerstiefel, Lederjacken und Jeanswesten, manche hatten sogar lange Haare. Ein Statussymbol waren auch die sogenannten „80er“, die Motorrädchen, die die unglaubliche Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h erreichten, frisiert sogar noch schneller. Man sieht also: Wir waren unglaublich cool und unsere Eltern waren dementsprechend entsetzt. Na ja, einige jedenfalls. So hatte ein Kumpel von mir über Monate den Bravo-Starschnitt von AC/DC gesammelt und stolz bei sich an die Wand gehängt. Bis sein Vater im duhnen Kopp auf die Idee kam, ihn abzureißen und zu zerstören. Das war ausgesprochen bösartig und es bestärkte uns daher in der Richtigkeit unseres Tuns!
Als Erkennungsmerkmal dienten uns vor allem Aufnäher und Anstecker. Neben AC/DC waren Motörhead sehr beliebt, später kamen Iron Maiden, Judas Priest und Saxon hinzu, noch später Metallica, Slayer und Venom – der ganz, ganz harte Stoff also. Vor allem Venom begeisterten uns, denn diese waren die Erfinder des Black Metal, der satanistisch inspirierten Variante des Heavy Rock. Gottesdienste? Konfirmandenunterricht? Nein, schwarze Messen wollten wir zelebrieren! Das taten wir natürlich nie, dafür trafen wir uns immer an den Bänken beim Gemeindefriedhof, der an den Kurpark grenzte und tranken dort unser billiges, Kopfschmerzen verursachendes Bier. Immerhin!
Irgendwann besuchte ich dann mein erstes Konzert, das während einer Scheunenparty stattfand. Adrian hieß der Headliner und war eine Power Metal-Band, die aus einigen aknekranken Jugendlichen unseres Landkreises bestand. Damit hatte ich endgültig meinen Lebensinhalt und meinen Freundeskreis gefunden. Und ich schwor mir, niemals abtrünnig zu werden. Chains and leather forever!
Was man halt so schwört, wenn man jung ist und noch nichts gesehen hat von der Welt.