The Punchliner-Outtake des Jahres (wegen zügelloser Zotenhaftigkeit nicht in die Nr. 5 des satirischen Buchmagazins aufgenommen)
September 29, 2008
Erik Albrecht ist 38 Jahre alt
von Daniel Terek
Erik Albrecht ist 38 Jahre alt. Er ist einer von mehr als vier Millionen Zwangskranken in Deutschland. Der gelernte Maler leidet an einem Gebrechen, das es ihm mehrere Jahre unmöglich gemacht hat, seine Wohnung zu verlassen. Zurückgezogen lebt er im betreuten Wohnen. Erik leidet seit frühester Kindheit unter massiven Fremdscham-Attacken. Zittern, Atemnot, Herzrasen sind nur einige der Beschwerden, die sich bei ihm einstellen, sobald er die Peinlichkeiten anderer durchlebt.
Seinen Alltag hat er auf sein Leiden abgestimmt, indem er den Kontakt zur Außenwelt minimal hält, Menschenmassen und seine Familie meidet. Besonders das soziale Gebilde der Familie, so Experten, ist nämlich ein guter Nährboden für Fremdscham.
Als Auslöser für die akute Phase seiner Erkrankung gilt ein Konzert, das er Ende der 80er Jahre besucht hat.
Die Karte hatte er von seinem Onkel zum Geburtstag bekommen. Es war eines dieser Konzerte in einem Fußballstadion, die diese Ära prägten und der Musikrichtung „Stadion-Rock“ ihren Namen gaben. 20.000 Jugendliche – Männlein wie Weiblein – stürmten hinein und hüllten ihre Leiber in viel zu enge Stretchstoffe, hatten wallende Dauerwellen und Schnurrbärte. Eine Fremdscham-Attacke jagte die nächste und Erik Schweißperlen auf die Stirn. Die Anspannung war unheimlich hoch, dennoch wollte er durchhalten, schließlich hatte die Karte doch 33 Mark gekostet.
Der Abend ging zur Neige. Als nächstes sollte der Hauptact auftreten. Eriks Anspannung löste sich. Der Headliner des Abends war eine hannöversche Hardrock-Kapelle, die Scorpions. Direkt beim Einsetzen der Musik begann das Stadion rhythmisch zu wippen, zu schunkeln und zu klatschen. Eine beeindruckende Kulisse bot sich Erik, der bisher solch große Menschenmassen gescheut hatte. Seine Beklemmungen lösten sich. Auch er begann zu wippen und zu schunkeln und zu klatschen. Alles ging gut – bis er sich, in einem unüberlegten Moment, die Texte, die Klaus Meine da gerade so inbrünstig auf der Bühne sang, mit seinem in der Schule erworbenen Englisch-Wortschatz übersetzte. Erik fing sofort an zu hyperventilieren und verfiel in einen hysterischen Schreikrampf. Ein Verhalten, das man heutzutage nur noch von Konzerten Robbie Williams, Justin Timberlakes und vereinzelt von Lesungen Axel „Klinge“ Klingenbergs kennt. Er wurde in eine Spezial-Klinik eingewiesen. Und dort die erschütternde Diagnose: Fremdscham. Nach einer dreimonatigen Therapie, in der er viele Fortschritte gemacht hatte, stand Erik kurz vor der Entlassung. Doch dann die Hiobsbotschaft. Mauerfall! Und Erik war klar, dass er für lange Zeit nicht mehr vor die Tür gehen konnte. Bilder von DDR-Bürgern in Trabanten lösten bei ihm nervöse Zuckungen aus. Noch vor einiger Zeit hätte schon eine halbe Stunde RTL 2-Gucken für Erik lebensgefährlich sein können.
Bis er die Therapie beim schwedischen Fremdscham-Spezialisten-Psychologen Dr. Klopsä Klopson angefangen hat. Bei der Konfrontationstherapie des Dr. Klopson geht es darum, seinen Ängsten ins Auge zu blicken und durch eigene Peinlichkeit zu bekämpfen.
Heute steht in der Therapiesitzung ein Gang in die Stadt auf dem Plan. Erik wird dabei von einem Sozialpädagogen betreut, dem Holger. Der Holger ist die Idealbesetzung für diesen Job. Er betreut Erik mittlerweile schon einige Jahre. In den ersten Jahren diente das nur zur Desensibilisierung. Der Holger kam täglich vorbei, unbestrumpft, nur in Sandalen, mitsamt seiner Zimmermannshose und dem fleckigen Feinripp-Unterhemd, über das er lässig ein kariertes Holzfällerhemd gestreift hatte. Auf seinen Schultern lagen fettigen Haare, aus denen unkontrolliert eine Nickelbrille wuchs, die sich durch das mächtige Backenbart-Gestrüpp zu kämpfen hatte. Doch mittlerweile ist Erik schon soweit, unter Menschen zu gehen. Er trägt dazu eine speziell von Dr. Klopson entwickelte Garderobe. Diese besteht aus weißen Krokodilleder-Stiefeln, einer an den Seiten aufknüpfbaren synthetischen Adidas-Trainingshose, einer türkisen Gürteltasche, einem Muskelshirt mit der Aufschrift „Bulldog Gym“, drei Goldketten und den Rolex-Imitaten an beiden Handgelenken. Erik hat sich speziell für den heutigen Anlass eine Halbglatze frisiert. Sein imposanter Schnauz tanzt dazu im Wind. Abgerundet wird das ganze durch eine verspiegelte Pilotenbrille. Dr. Klopson nennt das die „Rüstung der Peinlichkeit“. Sie ist das Herzstück seiner „Was-interessiert mich die Peinlichkeit der anderen, wenn ich selbst rumlaufe wie ein Vollhonk“-Therapie.
Aufgabe der heutigen Sitzung ist es, sich in einem McDonalds-Restaurant nur von den Nahrungsresten im Tablettrückführwägelchen ein schmackhaftes Menü zusammenzustellen. Danach soll Erik noch eine Übungseinheit in Kommunikation absolvieren. Dabei hat er die Aufgabe, eine wildfremde Person mit folgenden Satz ansprechen: „Hör ma’, ich finde deine Beine so schön, ich glaub ich muss denen mal Namen geben: also das linke Bein ist Weihnachten, und das rechte Bein ist Neujahr. Aber warum ich eigentlich hier bin … ich wollt dich fragen, ob ich dich zwischen den Feiertagen mal besuchen kann?“
Es ist noch ein langer Weg zur vollständigen Genesung, dennoch wünsche ich alles Gute auf dem Wege der Besserung und hoffe das Erik irgendwann ein normales Leben führen kann.
Fernsehkritik des Monats von Axel Klingenberg
September 28, 2008
Das Ekel und die Volksseele
Deutsche Adaptionen ausländischer Fernsehserien funktionieren selten – en detail sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen und die nationalen Gemüter doch jeweils zu unterschiedlich. „Ein Herz und eine Seele“ ist eines der wenigen Gegenbeispiele. Vorbild hierfür ist die britische Produktion „’till Death Do Us Part“ von Johnny Speight gewesen, dessen Held Alf schon allein deshalb komisch gewesen ist, weil er als Hafenarbeiter die Torys gewählt hat – im Großbritannien der 70er Jahre ist eben noch klar, dass die Klassenzugehörigkeit ausschlaggebend für das Wahlverhalten ist. Arbeiter haben daher deshalb eigentlich Labour zu wählen. Hier und heute ist das anders. Es soll sogar Putzfrauen geben, die die Grünen wählen, als bestünde tatsächlich die Aussicht, dass ihnen dies die Partei der Akademiker und Selbstständigen jemals danken würde.
Alfred Tetzlaff, das deutsche Pendant zu dem britischen Monarchisten, macht sein Kreuzchen selbstredend ebenfalls bei den Konservativen, denn er ist ein Kalter Krieger, ein Spießbürger, ein Möchtegern-Patriarch, der sogar die SPD für kommunistisch hält – auch das ist in den 70ern noch möglich. Regisseur Wolfgang Menge lässt Alfred Tetzlaff (Heinz Schubert) Dinge sagen, die eigentlich unsagbar (wenn eben auch nicht undenkbar) sind: Seine Frau ist eine „dusslige Kuh“ und sein Schwiegersohn (Diether Krebs) ein „Scheißsozi“, der „nur an seine Lenden und nicht an sein Land denkt, diese Sau“. Überhaupt die Sozis: „Die sind doch froh“, schwadroniert Alfred, „wenn wir alle impotent werden. Paragraph 218, die Gamma-Strahlen, dann haben die bald das ganze deutsche Volk mit ausgerottet und können dann endlich die Slawen kommen lassen.“ Angeführt vermutlich vom „CIA-Agenten Ulbricht“. Und alle anderen sind schlicht „Arschlöcher“.
Natürlich ist das alles unendlich überspitzt, aber die Abneigung der schweigenden Mehrheit der Deutschen gegen die sogenannte „sexuelle Revolution“, aber auch gegen jede andere Revolution, wird hier glaubwürdig von „Ekel Alfred“ verkörpert. Unvergesslich ist mir die Szene, in der er am Esstisch sitzt und Fußpflege betreibt. Und dabei einen Zehennagel in die Kaffeetasse seiner Frau schnippt, die empört aufschreit. „Was stellst du auch die Tasse dahin, wo ich meine Fußnägel schneide?“, kommentiert er ungerührt. Das ist ignorant, das ist gemein, das ist großartig. Und die Deutschen lachen – vielleicht sogar ausnahmsweise mal über sich selbst.
Allerdings nicht alle, einige bekommen es auch mit der Angst zu tun. Denn: Was soll das Ausland von uns denken? Und bestärkt dieser Alfred Tetzlaff nicht sogar die Menschen in ihrer Bild-Zeitungsmeinung? Darf man überhaupt all diese rassistischen Vorurteile und verschwörungstheoretischen Paranoia zum Ausdruck bringen? In dieser ordinären Sprache? Man darf, aber nicht allzu lange, dann geht die Schauspieler-Konstellation auseinander. Der schon erwähnte Diether Krebs und seine Kollegin Elisabeth Wiedemann (Else Tetzlaff) steigen aus. Letztere wird durch Helga Feddersen ersetzt. Gleichzeitig werden die politisch-satirischen Elemente zurückgeschraubt – das Ergebnis ist ein starker Rückgang der Zuschauerzahlen. Dankbar ergreifen die ARD-Chefs die Gelegenheit, die Serie abzusetzen. Von der 2. Staffel werden nur noch vier Folgen gedreht.
Auch eine geplante Neuauflage in den 90er Jahren platzt und Menges Serie „Motzki“ ist nur ein schwacher Abklatsch alten Glanzes. Immerhin locken die recht regelmäßigen Wiederholungen der ersten Ekel-Alfred-Staffel immer noch zahlreiche Zuschauer vor die Glotze. Und auch auf DVD sind die meisten Folgen zu haben. Die Neuauflage einer satirischen Sitcom dürfte bei den gleichgeschalteten Fernsehanstalten heutzutage allerdings unmöglich sein.