Mit gehöriger Verspätung hier nun die Fotos von der letzten Küche …

Alle Fotos von Andreas Reiffer.

Der Herr Verleger hat die großartige Idee gehabt, als Ziel des diesjährigen Betriebsausfluges die Buchmesse in Leipzig anzuvisieren. Buchmessen sind so was wie Familientreffen für die Angehörigen des Literaturbetriebs. Alle kommen zusammen und sich wichtig vor: Autoren, Verleger, Redakteure, Lektoren, Übersetzer, Kritiker, Buchhändler, Antiquare, Drucker, Veranstalter und Agenten. Sogar Leser sollen dort schon gesichtet worden sein.

Frühmorgens, kurz nach acht, trafen wir uns an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig, um von dort aus gemeinsam loszufahren. Sofort begannen wir – inspiriert von dieser akademischen Aura – über Erzählperspektiven und den Einfluss des epischen Theaters auf die Telenovela „City of men“ zu schwadronieren. Noch bevor alle Mitfahrer beisammen waren, versiegte unser fundiertes Halbwissen jedoch zu einem schmalen Rinnsal unverständlichen Murmelns, so dass wir unsere Aufmerksamkeit bald wieder auf die wichtigen Dinge des Lebens lenkten, nämlich auf die Qualität des eben gerade gekauften Kaffees bzw. Coffee to gos. Wenn auch der Ausdruck „Qualität“ in diesem Zusammenhang eigentlich eher irreführend ist.

Nach einer nicht unbeträchtlichen Zeit des Wartens stieß auch Herr Kremer, der letzte Reisegesellschafter, dazu. Sein Kaffee, den er sich seltsamerweise am Bahnhof am anderen Ende der Stadt gekauft hatte (was immerhin die eigentlich unverzeihliche Verspätung erklärt), schmeckte genau so wenig wie der hier erworbene. Nach einem halben Dutzend schnell noch gerauchter Zigaretten fuhren wir dann doch noch los. Schon nach wenigen Minuten sank das Niveau unseres Betriebsausfluges auf das einer Klassenfahrt herab.

In Leipzig angekommen befanden wir uns daher schon fast auf Augenhöhe mit den zahllosen angereisten Manga-Fans. Die weiblichen von ihnen trugen zumeist unnötig kurze Röcke und himmelblaue Schlüpfer (sogenannte „Manga-Tangas“), die männlichen Tierkostüme. Beides könnte als Ausdruck einer sexuellen Obsession interpretiert werden.

Wir taten das, was man auf einer Buchmesse eben so tut: Herumstehen und reden. Bücher schaut man sich eigentlich nicht an, denn das kann man viel besser in Buchhandlungen. Auf Buchmessen geht man, um zu reden. Zum Beispiel mit realexistierenden oder potentiellen Verlegern. Ist gerade kein solcher greifbar, kann man sich aus was vorlesen lassen.

Lesungen sind auf der Buchmesse nämlich an jeder Ecke. Wir hätten auch Wolf Biermann lauschen können, wollten uns aber nicht den Tag verderben. Zu Wiglaf Droste stießen wir jedoch nicht vor, denn die Wolf-Biermann-Meute wollte nicht gehen. Vielleicht wollte auch Wolf Biermann nicht gehen und zwang seine Jünger, zu seinen Füßen hocken zu bleiben und die Auf-und-ab-Bewegungen seines Schnauzbartes andächtig zu verfolgen.

Deshalb gingen wir an einen anderen Ort, an dem gelesen wurde. Hier rezitierten Dichter und Dichterinnen aus ihren Gedichten. Einer der Dichter sagte, er habe einen Textzyklus bekommen, worauf mein Verleger laut fragte, ob er vielleicht in Wirklichkeit eine Dichterin sei. Ich lachte und distanzierte mich umgehend von dieser geschmacklosen Äußerung. Worum es in den Werken ging, weiß ich nicht genau, aber „Ficken, ficken, ficken“ war wohl ein Thema (diese Worte wurden zumindest gebetsmühlenartig wiederholt) bzw. – in einem anderen Prosagedicht – „Beruhigen, beruhigen, beruhigen“. Die Wiederholungen wiederholten sich unaufhörlich. Dann las ein Slammer Texte vor, in denen es um „Loops, Loops, Loops“ ging. Im Gegensatz zu den Dichtern und Dichterinnen davor hörten die Menschen ihm aber auch zu, lachten und lachten und lachten und klatschten und klatschten und klatschten. Ein Kundschafter berichtete, dass Wolle Biermann immer noch seinen Schnauzer tanzen ließ.

Dann standen wir wieder im Gedränge herum und redeten. Unsere geleaste Messehostess ging sich unterdessen „mal eben frisch machen“. Es dauerte sehr lange, bis sie wiederkam, was wohl daran lag, dass die Damentoilette von Wolf Biermann-Fans belagert wurde, der sich dort in einer Kabine eingeschlossen hatte, um ungestört „Auferstanden als Ruine“ zu singen. Für den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung kann ich mich jedoch nicht verbürgen.

Gegen Abend hatten wir es geschafft und durften gehen bzw. fahren. Das Gedränge in der Innenstadt war sehr groß, fast wie auf der Buchmesse selbst. Wolf Biermann war aber nirgends zu sehen. In einer kleinen Gasse war es am schlimmsten: Auf beiden Seiten Straßencafés mit zahllosen Tischen, Stühlen und Heizpilzen. Ich sagte gerade zu Herrn Pollex „so etwas wäre in Braunschweig nicht erlaubt, da würden sofort ein paar Piesepampel einschreiten und ein baldiges Verbot fordern“, als Herr Kremer zu uns aufschloss und „so etwas wäre in Braunschweig nicht erlaubt, das sollte man auch hier sofort verbieten“ grallte.

Wir beschlossen, den Abend mit einem zünftigen Konzert zu beschließen. Der Herr Verleger wusste auch schon was und schleppte uns zu einer Veranstaltung, in der vertonte Gedichte eines von ihm verlegten Autoren vorgetragen wurde. Um die Knebelverträge über unsere nächsten Bücher nicht zu riskieren, klatschten wir frenetisch Beifall. Seltsamerweise ließ Wolf Biermann auch diese Bühne unbehelligt.

Ich bin froh, wieder zuhause zu sein und schreiben zu dürfen, schreiben zu dürfen, schreiben zu dürfen.

Ich arbeite gerade an einem fünfzehnseitigen Prosagedicht, das ausschließlich aus den Worten „Ficken“ und „Beruhigen“ und „Loops“ bestehen wird.

Aber ich glaube, ich beginne mich zu wiederholen.

Axel Klingenberg