Augen zu und durch
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich persönlich möchte gar nicht so genau wissen, was die Zukunft für mich bereit hält. Wenn ich z.B. jetzt schon weiß, dass ich im nächsten Monat auf der Bahnstrecke Braunschweig-Wolfsburg drei Stunden Verspätung haben werde und über Hildesheim fahren muss, weil es wieder eine nicht näher definierte „Betriebsstörung“ gibt, kann ich ja gleich das Auto nehmen. Dann trifft die Prophezeiung aber nicht mehr zu und ich werde das Opfer einer Lüge sein.
Es handelt es sich dabei also um das gleiche logische Dilemma wie bei Zeitreisen in die Vergangenheit – sobald ich diese erreicht habe, ändert sich die Zukunft und die Zeitmaschine startet erst gar nicht, weil es sie oder mich gar nicht gibt.
Viele Menschen scheinen das aber anders zu sehen und lesen Zeitschriften wie den „Zukunftsblick“, Das „Astromagazin“ für Horoskope, Tarot, Numerologie und anderen Orakel-Hokuspokus liefert für nur 1,40 € kompetente Beratung in allen Lebenslagen. Aus dem monatlichen „Astro-Sympathiebarometer“ ist z.B. ersichtlich, dass meine „Lust-Partner“ „Widder, Löwe und Fisch“ sind – das kann ich bestätigen, allerdings ist das in jedem Monat so, schließlich gilt meine Frau in Sterndeuter-Kreisen als „Widder“.
So etwas kann man natürlich in jedem Dummbatzblättchen nachlesen, aber hier findet sich das in aller Ausführlichkeit und in einer Detailfreude, die man nur überblättern kann, um ganz schnell bei den zahllosen Anzeigen hängen zu bleiben. Diese sind nämlich die eigentliche Attraktion auf den 268 Seiten.
Da gibt es Inserate für Hellseherinnen und Hellseher, die man anrufen kann, um sich von ihnen alle „Fragen zu Liebe, Partnerschaft, Beruf, Finanzen, Lebensaufgabe, Spiritualität, Karma u.v.m.“ beantworten zu lassen. Die Methoden sind vielfältig: Lenormandkarten, Erzengelbotschaften, Bewusstseins-Zeitkarten, Rider-Waite-Karten, Channeling, Traumarbeit, Kipperkarten, Liebestarot, Jenseitskontakt, Fern-Reiki, Kaffeesatzlesen, Spirituelles Coaching, Aurasehen… Sogar Hellsehen mit nicht näher definierten „besonderen Fähigkeiten“ wird angeboten – auch wenn ich eigentlich schon ganz gerne genauer wüsste, um was es sich dabei handelt, bevor ich zum Hörer greife und 1,98 € pro Minute zahle.
Nun muss man natürlich immer wieder Anrufe tätigen, um auf dem Laufenden zu bleiben, schöner wäre es doch, langfristig zu investieren. Warum also nicht gleich ein bisschen mehr Geld ausgeben, um z.B. die „Vollkommen Happy“-Karaffe mit 6 Gläsern zu erwerben. Und 94,95 € sind ja auch nicht die Welt, zudem der Boden der Karaffe durch die „Blume des Lebens in Regenbogenfarben“ verziert und in jedes Glas eine Affirmation eingearbeitet ist. „Ich bin vollkommen frei“, „Ich bin vollkommen geborgen“ und „Ich bin vollkommen gelassen“ ist da z.B. zu lesen. Nur „Ich habe einen wahnsinnig schlechten Geschmack und sollte mein Geld lieber für eine Farb- und Stilberatung ausgeben“ steht dort nirgendwo.
Empfehlenswerter, weil man nur 6,90 € vergeudet, ist übrigens das „Mutterverstehspray“, das „einen frischen Beigeschmack von Pfefferminze“ hinterlässt.
Schnipsel des Monats – Mein erster Tag
September 1, 2009
Schnipsel des Monats von Axel Klingenberg
August 22, 2009
Plätze und Lager
War mit meiner Freundin in Holland im Urlaub. Etwas ratlos standen wir vor dem Zentralen Omnibusbahnhof in Haarlem und unterhielten uns darüber, welche Buslinie wohl nach Bloemendaal an Zee fährt und wo wir da am besten aussteigen.
Ein älteres Ehepaar sprach uns daraufhin auf deutsch mit starkem holländischen Akzent an. „Woher kommen Sie denn?“, fragte uns der Mann. „Aus Deutschland. Wir wohnen in Braunschweig, das ist in der Nähe von…“ „Kenn ich“, unterbrach er mich. „Ich war mal für längere Zeit in Salzgitter.“ Wir nickten freundlich, so klein ist die Welt. „Ich war Zwangsarbeiter in den Hermann-Göring-Werken“, fügte er lächelnd hinzu. Dann erklärte er uns, wo wir den besten Campingplatz direkt am Meer finden.
Es ist nicht immer schön, ein Deutscher auf Auslandsfahrt zu sein.
PS Aprops Nazis: Habe mir „Inglourious Basterds“, den neuen Tarantino, angeschaut, den ich unbedingt weiterempfehlen möchte. Ganz großes Kino!
Schnipsel des Monats von Axel Klingenberg
Juli 27, 2009
Fürsorge und Vernunft
Als ich meinen Sohn und zwei Nachbarsjungen mit dem Bus vom Kindergarten abhole, möchte ich am liebsten vor Scham im Boden versinken. Die Kinder streiten sich um den einzigen freien Fensterplatz. Mein Sohn fängt an zu weinen, die anderen bilden höhnische Sprechchöre, er haut auf einen von ihnen ein, der daraufhin ebenfalls den Tränen freien Lauf gibt. In der Sitzreihe gegenüber liest ein Mann ein Buch von Michel Foucault, „Dispositive der Macht“. Als wir aussteigen, um die Linie zu wechseln, fragt er: „Wollen Sie aussteigen oder müssen Sie?“ „Das ist in diesem Falle identisch“, antworte ich, froh auch in dieser peinlichen Situation noch einen Rest intellektueller Würde bewahren zu können.
Der Herr Verleger hat die großartige Idee gehabt, als Ziel des diesjährigen Betriebsausfluges die Buchmesse in Leipzig anzuvisieren. Buchmessen sind so was wie Familientreffen für die Angehörigen des Literaturbetriebs. Alle kommen zusammen und sich wichtig vor: Autoren, Verleger, Redakteure, Lektoren, Übersetzer, Kritiker, Buchhändler, Antiquare, Drucker, Veranstalter und Agenten. Sogar Leser sollen dort schon gesichtet worden sein.
Frühmorgens, kurz nach acht, trafen wir uns an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig, um von dort aus gemeinsam loszufahren. Sofort begannen wir – inspiriert von dieser akademischen Aura – über Erzählperspektiven und den Einfluss des epischen Theaters auf die Telenovela „City of men“ zu schwadronieren. Noch bevor alle Mitfahrer beisammen waren, versiegte unser fundiertes Halbwissen jedoch zu einem schmalen Rinnsal unverständlichen Murmelns, so dass wir unsere Aufmerksamkeit bald wieder auf die wichtigen Dinge des Lebens lenkten, nämlich auf die Qualität des eben gerade gekauften Kaffees bzw. Coffee to gos. Wenn auch der Ausdruck „Qualität“ in diesem Zusammenhang eigentlich eher irreführend ist.
Nach einer nicht unbeträchtlichen Zeit des Wartens stieß auch Herr Kremer, der letzte Reisegesellschafter, dazu. Sein Kaffee, den er sich seltsamerweise am Bahnhof am anderen Ende der Stadt gekauft hatte (was immerhin die eigentlich unverzeihliche Verspätung erklärt), schmeckte genau so wenig wie der hier erworbene. Nach einem halben Dutzend schnell noch gerauchter Zigaretten fuhren wir dann doch noch los. Schon nach wenigen Minuten sank das Niveau unseres Betriebsausfluges auf das einer Klassenfahrt herab.
In Leipzig angekommen befanden wir uns daher schon fast auf Augenhöhe mit den zahllosen angereisten Manga-Fans. Die weiblichen von ihnen trugen zumeist unnötig kurze Röcke und himmelblaue Schlüpfer (sogenannte „Manga-Tangas“), die männlichen Tierkostüme. Beides könnte als Ausdruck einer sexuellen Obsession interpretiert werden.
Wir taten das, was man auf einer Buchmesse eben so tut: Herumstehen und reden. Bücher schaut man sich eigentlich nicht an, denn das kann man viel besser in Buchhandlungen. Auf Buchmessen geht man, um zu reden. Zum Beispiel mit realexistierenden oder potentiellen Verlegern. Ist gerade kein solcher greifbar, kann man sich aus was vorlesen lassen.
Lesungen sind auf der Buchmesse nämlich an jeder Ecke. Wir hätten auch Wolf Biermann lauschen können, wollten uns aber nicht den Tag verderben. Zu Wiglaf Droste stießen wir jedoch nicht vor, denn die Wolf-Biermann-Meute wollte nicht gehen. Vielleicht wollte auch Wolf Biermann nicht gehen und zwang seine Jünger, zu seinen Füßen hocken zu bleiben und die Auf-und-ab-Bewegungen seines Schnauzbartes andächtig zu verfolgen.
Deshalb gingen wir an einen anderen Ort, an dem gelesen wurde. Hier rezitierten Dichter und Dichterinnen aus ihren Gedichten. Einer der Dichter sagte, er habe einen Textzyklus bekommen, worauf mein Verleger laut fragte, ob er vielleicht in Wirklichkeit eine Dichterin sei. Ich lachte und distanzierte mich umgehend von dieser geschmacklosen Äußerung. Worum es in den Werken ging, weiß ich nicht genau, aber „Ficken, ficken, ficken“ war wohl ein Thema (diese Worte wurden zumindest gebetsmühlenartig wiederholt) bzw. – in einem anderen Prosagedicht – „Beruhigen, beruhigen, beruhigen“. Die Wiederholungen wiederholten sich unaufhörlich. Dann las ein Slammer Texte vor, in denen es um „Loops, Loops, Loops“ ging. Im Gegensatz zu den Dichtern und Dichterinnen davor hörten die Menschen ihm aber auch zu, lachten und lachten und lachten und klatschten und klatschten und klatschten. Ein Kundschafter berichtete, dass Wolle Biermann immer noch seinen Schnauzer tanzen ließ.
Dann standen wir wieder im Gedränge herum und redeten. Unsere geleaste Messehostess ging sich unterdessen „mal eben frisch machen“. Es dauerte sehr lange, bis sie wiederkam, was wohl daran lag, dass die Damentoilette von Wolf Biermann-Fans belagert wurde, der sich dort in einer Kabine eingeschlossen hatte, um ungestört „Auferstanden als Ruine“ zu singen. Für den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung kann ich mich jedoch nicht verbürgen.
Gegen Abend hatten wir es geschafft und durften gehen bzw. fahren. Das Gedränge in der Innenstadt war sehr groß, fast wie auf der Buchmesse selbst. Wolf Biermann war aber nirgends zu sehen. In einer kleinen Gasse war es am schlimmsten: Auf beiden Seiten Straßencafés mit zahllosen Tischen, Stühlen und Heizpilzen. Ich sagte gerade zu Herrn Pollex „so etwas wäre in Braunschweig nicht erlaubt, da würden sofort ein paar Piesepampel einschreiten und ein baldiges Verbot fordern“, als Herr Kremer zu uns aufschloss und „so etwas wäre in Braunschweig nicht erlaubt, das sollte man auch hier sofort verbieten“ grallte.
Wir beschlossen, den Abend mit einem zünftigen Konzert zu beschließen. Der Herr Verleger wusste auch schon was und schleppte uns zu einer Veranstaltung, in der vertonte Gedichte eines von ihm verlegten Autoren vorgetragen wurde. Um die Knebelverträge über unsere nächsten Bücher nicht zu riskieren, klatschten wir frenetisch Beifall. Seltsamerweise ließ Wolf Biermann auch diese Bühne unbehelligt.
Ich bin froh, wieder zuhause zu sein und schreiben zu dürfen, schreiben zu dürfen, schreiben zu dürfen.
Ich arbeite gerade an einem fünfzehnseitigen Prosagedicht, das ausschließlich aus den Worten „Ficken“ und „Beruhigen“ und „Loops“ bestehen wird.
Aber ich glaube, ich beginne mich zu wiederholen.
Axel Klingenberg
„Gefühlvolles Übergeben“ von Axel Klingenberg
Dezember 1, 2008
Wenn mein Schwager mich begrüßt, tätschelt er zärtlich meinen Bauch. „In welchem Monat bist du denn?“, fragt er dann.
In Wirklichkeit meint er natürlich: „Du bist zu dick!“
Das stimmt aber gar nicht, denn in Wirklichkeit bin ich bloß co-schwanger.
Co-schwanger wird man, wenn man sich so in seine schwangere Frau einfühlt, dass man die gleichen Symptome zeigt wie sie. Das zeugt von großer Sensibilität.
Sie hat einen Bauch. Ich auch.
Sie hat Rückenschmerzen. Ich auch.
Sie übergibt sich jeden Morgen. Ich nicht.
Irgenwo hört die Solidarität ja auch mal auf. Ich übergebe mich nur, wenn ich am Abend zuvor zuviel Bier getrunken habe.
Meine Frau sagt, ich solle kein Bier trinken. „Co-Schwangere trinken keinen Alkohol“, sagt sie, „nur Kamillen- und Rotbuschtee.“
„Okay“, erwidere ich, „mir ist sowieso schon schlecht, dann kann ich auch Pflanzensud schlucken.“
Gegen Abend – die Kopfschmerzen haben schon deutlich nachgelassen – bekomme ich Hunger. Ich durchsuche unsere Vorratskammer und den Kühlschrank.
Vorwurfsvoll gucke ich Anita an. „Hattest du eine Fressattacke?“, frage ich sie.
„Nein, ich bin bloß nicht zum Einkaufen gekommen“, antwortet sie, „Mein Rücken…“
„Du kannst es ruhig zugeben“, sage ich, „du bist doch schwanger, da ist das normal.“
„Aber…“
„Ahhh, hier sind ja noch saure Gurken“, stelle ich erfreut fest, „Und Salzstangen und Schokoküsse. Und Trockenobst.“
„Das willst du doch wohl nicht alles essen!“ Anita ist entsetzt.
„Natürlich nicht. Ich mag doch gar kein Trockenobst.“
Dann setze ich mich vor den Fernseher, esse die Gurken (viel Wasser, das ist gut), dann die Salzstangen (viel Salz, das ist noch besser), dann die Schokoküsse (viel Zucker und Fett, das ist am besten). Dann wieder Gurken.
Dann renne ich aufs Klo und übergebe mich erneut. Wie gute Ehemänner das eben so tun, wenn sie sich einbilden, sie seien schwanger.
Anita ruft mir durch die Badezimmertür zu, ich solle im Wohnzimmer schlafen. Manchmal denke ich, dass sie irgendwie sensibler sein könnte. Als ich ihr das sage, schlägt sie mir vor, in eine Selbsthilfegruppe für Co-Schwangere zu gehen.
Ich halte das für eine gute Idee. Nächsten Samstag treffe ich mich deshalb wieder mit dem Dieter in der Kneipe. Der ist nämlich auch co-schwanger.
NICHT VERGESSEN:
„Heimatliches, Weihnachtliches und der ganze Rest“ – Lesung mit Axel Klingenberg und Gebäck und Getränken
4. Dezember, 19.30 Uhr
Öffentliche Bücherei Wenden, Heideblick 20, Braunschweig-Wenden
Eintritt: 6,- Euro, für Schüler frei
Kartenvorbestellungen unter: 05307/1502
The Punchliner-Outtake des Jahres (wegen zügelloser Zotenhaftigkeit nicht in die Nr. 5 des satirischen Buchmagazins aufgenommen)
September 29, 2008
Erik Albrecht ist 38 Jahre alt
von Daniel Terek
Erik Albrecht ist 38 Jahre alt. Er ist einer von mehr als vier Millionen Zwangskranken in Deutschland. Der gelernte Maler leidet an einem Gebrechen, das es ihm mehrere Jahre unmöglich gemacht hat, seine Wohnung zu verlassen. Zurückgezogen lebt er im betreuten Wohnen. Erik leidet seit frühester Kindheit unter massiven Fremdscham-Attacken. Zittern, Atemnot, Herzrasen sind nur einige der Beschwerden, die sich bei ihm einstellen, sobald er die Peinlichkeiten anderer durchlebt.
Seinen Alltag hat er auf sein Leiden abgestimmt, indem er den Kontakt zur Außenwelt minimal hält, Menschenmassen und seine Familie meidet. Besonders das soziale Gebilde der Familie, so Experten, ist nämlich ein guter Nährboden für Fremdscham.
Als Auslöser für die akute Phase seiner Erkrankung gilt ein Konzert, das er Ende der 80er Jahre besucht hat.
Die Karte hatte er von seinem Onkel zum Geburtstag bekommen. Es war eines dieser Konzerte in einem Fußballstadion, die diese Ära prägten und der Musikrichtung „Stadion-Rock“ ihren Namen gaben. 20.000 Jugendliche – Männlein wie Weiblein – stürmten hinein und hüllten ihre Leiber in viel zu enge Stretchstoffe, hatten wallende Dauerwellen und Schnurrbärte. Eine Fremdscham-Attacke jagte die nächste und Erik Schweißperlen auf die Stirn. Die Anspannung war unheimlich hoch, dennoch wollte er durchhalten, schließlich hatte die Karte doch 33 Mark gekostet.
Der Abend ging zur Neige. Als nächstes sollte der Hauptact auftreten. Eriks Anspannung löste sich. Der Headliner des Abends war eine hannöversche Hardrock-Kapelle, die Scorpions. Direkt beim Einsetzen der Musik begann das Stadion rhythmisch zu wippen, zu schunkeln und zu klatschen. Eine beeindruckende Kulisse bot sich Erik, der bisher solch große Menschenmassen gescheut hatte. Seine Beklemmungen lösten sich. Auch er begann zu wippen und zu schunkeln und zu klatschen. Alles ging gut – bis er sich, in einem unüberlegten Moment, die Texte, die Klaus Meine da gerade so inbrünstig auf der Bühne sang, mit seinem in der Schule erworbenen Englisch-Wortschatz übersetzte. Erik fing sofort an zu hyperventilieren und verfiel in einen hysterischen Schreikrampf. Ein Verhalten, das man heutzutage nur noch von Konzerten Robbie Williams, Justin Timberlakes und vereinzelt von Lesungen Axel „Klinge“ Klingenbergs kennt. Er wurde in eine Spezial-Klinik eingewiesen. Und dort die erschütternde Diagnose: Fremdscham. Nach einer dreimonatigen Therapie, in der er viele Fortschritte gemacht hatte, stand Erik kurz vor der Entlassung. Doch dann die Hiobsbotschaft. Mauerfall! Und Erik war klar, dass er für lange Zeit nicht mehr vor die Tür gehen konnte. Bilder von DDR-Bürgern in Trabanten lösten bei ihm nervöse Zuckungen aus. Noch vor einiger Zeit hätte schon eine halbe Stunde RTL 2-Gucken für Erik lebensgefährlich sein können.
Bis er die Therapie beim schwedischen Fremdscham-Spezialisten-Psychologen Dr. Klopsä Klopson angefangen hat. Bei der Konfrontationstherapie des Dr. Klopson geht es darum, seinen Ängsten ins Auge zu blicken und durch eigene Peinlichkeit zu bekämpfen.
Heute steht in der Therapiesitzung ein Gang in die Stadt auf dem Plan. Erik wird dabei von einem Sozialpädagogen betreut, dem Holger. Der Holger ist die Idealbesetzung für diesen Job. Er betreut Erik mittlerweile schon einige Jahre. In den ersten Jahren diente das nur zur Desensibilisierung. Der Holger kam täglich vorbei, unbestrumpft, nur in Sandalen, mitsamt seiner Zimmermannshose und dem fleckigen Feinripp-Unterhemd, über das er lässig ein kariertes Holzfällerhemd gestreift hatte. Auf seinen Schultern lagen fettigen Haare, aus denen unkontrolliert eine Nickelbrille wuchs, die sich durch das mächtige Backenbart-Gestrüpp zu kämpfen hatte. Doch mittlerweile ist Erik schon soweit, unter Menschen zu gehen. Er trägt dazu eine speziell von Dr. Klopson entwickelte Garderobe. Diese besteht aus weißen Krokodilleder-Stiefeln, einer an den Seiten aufknüpfbaren synthetischen Adidas-Trainingshose, einer türkisen Gürteltasche, einem Muskelshirt mit der Aufschrift „Bulldog Gym“, drei Goldketten und den Rolex-Imitaten an beiden Handgelenken. Erik hat sich speziell für den heutigen Anlass eine Halbglatze frisiert. Sein imposanter Schnauz tanzt dazu im Wind. Abgerundet wird das ganze durch eine verspiegelte Pilotenbrille. Dr. Klopson nennt das die „Rüstung der Peinlichkeit“. Sie ist das Herzstück seiner „Was-interessiert mich die Peinlichkeit der anderen, wenn ich selbst rumlaufe wie ein Vollhonk“-Therapie.
Aufgabe der heutigen Sitzung ist es, sich in einem McDonalds-Restaurant nur von den Nahrungsresten im Tablettrückführwägelchen ein schmackhaftes Menü zusammenzustellen. Danach soll Erik noch eine Übungseinheit in Kommunikation absolvieren. Dabei hat er die Aufgabe, eine wildfremde Person mit folgenden Satz ansprechen: „Hör ma’, ich finde deine Beine so schön, ich glaub ich muss denen mal Namen geben: also das linke Bein ist Weihnachten, und das rechte Bein ist Neujahr. Aber warum ich eigentlich hier bin … ich wollt dich fragen, ob ich dich zwischen den Feiertagen mal besuchen kann?“
Es ist noch ein langer Weg zur vollständigen Genesung, dennoch wünsche ich alles Gute auf dem Wege der Besserung und hoffe das Erik irgendwann ein normales Leben führen kann.
Fernsehkritik des Monats von Axel Klingenberg
September 28, 2008
Das Ekel und die Volksseele
Deutsche Adaptionen ausländischer Fernsehserien funktionieren selten – en detail sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen und die nationalen Gemüter doch jeweils zu unterschiedlich. „Ein Herz und eine Seele“ ist eines der wenigen Gegenbeispiele. Vorbild hierfür ist die britische Produktion „’till Death Do Us Part“ von Johnny Speight gewesen, dessen Held Alf schon allein deshalb komisch gewesen ist, weil er als Hafenarbeiter die Torys gewählt hat – im Großbritannien der 70er Jahre ist eben noch klar, dass die Klassenzugehörigkeit ausschlaggebend für das Wahlverhalten ist. Arbeiter haben daher deshalb eigentlich Labour zu wählen. Hier und heute ist das anders. Es soll sogar Putzfrauen geben, die die Grünen wählen, als bestünde tatsächlich die Aussicht, dass ihnen dies die Partei der Akademiker und Selbstständigen jemals danken würde.
Alfred Tetzlaff, das deutsche Pendant zu dem britischen Monarchisten, macht sein Kreuzchen selbstredend ebenfalls bei den Konservativen, denn er ist ein Kalter Krieger, ein Spießbürger, ein Möchtegern-Patriarch, der sogar die SPD für kommunistisch hält – auch das ist in den 70ern noch möglich. Regisseur Wolfgang Menge lässt Alfred Tetzlaff (Heinz Schubert) Dinge sagen, die eigentlich unsagbar (wenn eben auch nicht undenkbar) sind: Seine Frau ist eine „dusslige Kuh“ und sein Schwiegersohn (Diether Krebs) ein „Scheißsozi“, der „nur an seine Lenden und nicht an sein Land denkt, diese Sau“. Überhaupt die Sozis: „Die sind doch froh“, schwadroniert Alfred, „wenn wir alle impotent werden. Paragraph 218, die Gamma-Strahlen, dann haben die bald das ganze deutsche Volk mit ausgerottet und können dann endlich die Slawen kommen lassen.“ Angeführt vermutlich vom „CIA-Agenten Ulbricht“. Und alle anderen sind schlicht „Arschlöcher“.
Natürlich ist das alles unendlich überspitzt, aber die Abneigung der schweigenden Mehrheit der Deutschen gegen die sogenannte „sexuelle Revolution“, aber auch gegen jede andere Revolution, wird hier glaubwürdig von „Ekel Alfred“ verkörpert. Unvergesslich ist mir die Szene, in der er am Esstisch sitzt und Fußpflege betreibt. Und dabei einen Zehennagel in die Kaffeetasse seiner Frau schnippt, die empört aufschreit. „Was stellst du auch die Tasse dahin, wo ich meine Fußnägel schneide?“, kommentiert er ungerührt. Das ist ignorant, das ist gemein, das ist großartig. Und die Deutschen lachen – vielleicht sogar ausnahmsweise mal über sich selbst.
Allerdings nicht alle, einige bekommen es auch mit der Angst zu tun. Denn: Was soll das Ausland von uns denken? Und bestärkt dieser Alfred Tetzlaff nicht sogar die Menschen in ihrer Bild-Zeitungsmeinung? Darf man überhaupt all diese rassistischen Vorurteile und verschwörungstheoretischen Paranoia zum Ausdruck bringen? In dieser ordinären Sprache? Man darf, aber nicht allzu lange, dann geht die Schauspieler-Konstellation auseinander. Der schon erwähnte Diether Krebs und seine Kollegin Elisabeth Wiedemann (Else Tetzlaff) steigen aus. Letztere wird durch Helga Feddersen ersetzt. Gleichzeitig werden die politisch-satirischen Elemente zurückgeschraubt – das Ergebnis ist ein starker Rückgang der Zuschauerzahlen. Dankbar ergreifen die ARD-Chefs die Gelegenheit, die Serie abzusetzen. Von der 2. Staffel werden nur noch vier Folgen gedreht.
Auch eine geplante Neuauflage in den 90er Jahren platzt und Menges Serie „Motzki“ ist nur ein schwacher Abklatsch alten Glanzes. Immerhin locken die recht regelmäßigen Wiederholungen der ersten Ekel-Alfred-Staffel immer noch zahlreiche Zuschauer vor die Glotze. Und auch auf DVD sind die meisten Folgen zu haben. Die Neuauflage einer satirischen Sitcom dürfte bei den gleichgeschalteten Fernsehanstalten heutzutage allerdings unmöglich sein.
Rock’n'Techno-Story des Monats von Axel Klingenberg
August 29, 2008
Eine kleine Nachtmusik
Wupp.
In regelmäßigen Abständen wurde ich durch die Luft geworfen. Wupp. Wupp. Wupp.
Pause.
Ich entspannte mich. Vorbei. Endlich vorbei.
WUPP. WUPP. WUPP. Ich fühlte die Stöße, die vom Fußboden ausgingen, noch deutlicher.
Seit Anfang des Monats hatten wir neue Nachbarn. Unter uns waren zwei Leute eingezogen, die noch jünger waren als wir.
Ihr Musikgeschmack war dementsprechend.
Techno. Tag und Nacht dröhnte diese Musik durch ihre Wohnung.
Na ja, eigentlich nur nachts, denn tagsüber schliefen sie ja, als Kunststudenten hatten sie wohl nicht allzu viele Verpflichtungen.
WUPP. WUPP. WUPP.
Es reichte mir.
Ich bemühte mich, nicht wütend zu werden, man will ja nicht als spießig gelten. Schließlich war unsere kleine Straße ein Reservat, ein Rückzugsgebiet vor den bürgerlichen Konventionen. Wir nannten es zärtlich: „das Ghetto“.
WUPP. WUPP. WUPP.
Ich kam nicht drumherum. Ich musste runtergehen, um sie zu bitten, die Musik leiser zu machen, schließlich sollte ich am nächsten Morgen ein Referat über Jean-Paul Sartre und den Existentialismus halten.
WUPP. WUPP. WUPP.
Meine derzeitiges In-die-Welt-geworfen-sein wollte mir jedenfalls gar nicht gefallen.
WUPPAWUPPAWUPPA.
Die Musik war deutlich schneller geworden. Der Endspurt!
Tatsächlich.
Plötzlich war es still.
WUPP!!!!
Die Musik war noch lauter geworden, von jetzt auf gleich. Fast wäre ich aus dem Bett gefallen bzw. vom Futon gerollt.
Nun gut, musste ich also doch aufstehen und runtergehen.
Ich zog mir notdürftig etwas über, schlüpfte in meine braun-karierten Pantoffeln, die tagtäglich das Ziel des freundlichen Spotts meiner beiden Mitbewohner waren.
Hmmm, ich zog sie wieder aus und schlüpfte in meine American Allstar. Auch bzw. gerade in so einer Situation sollte man möglichst cool aussehen. Bloß keine Blöße geben.
Als ich an der Wohnungstür unten klingelte, passierte erst einmal gar nichts. Und dann immer noch nichts. Es war auch gar nichts zu hören in der Wohnung.
Auch auf mein sekündlich mutiger werdendes Klopfen hin öffnete niemand die Tür.
Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, wurde sie doch noch einen Spaltbreit geöffnet.
„Jaaa?“, fragte meine Nachbarin. Ihre Stimme klang schläfrig, aber nicht verschlafen.
„Ähh, könnt Ihr vielleicht… also eventuell, die Musik…“, begann ich vorsichtig meine Rechte auf nächtlichen Schlaf einzufordern, als ich bemerkte, dass die Musik nur dezent vor sich hinplätscherte, „…leiser machen?“
Sie sah mich verständnislos an.
„Oder die Bässe raus drehen?“, sagte ich dann, denn mir wurde schlagartig klar, dass es nicht die Lautstärke war, die störte, sondern die Bässe als solche. Verdammte Subwoofer.
„Klar, kein Problem“, antwortete sie.
„Wer war denn das?“, hörte ich noch eine andere Stimme aus dem Hintergrund fragen.
„Einer von den Alten von oben“, konnte ich sie noch antworten hören, bevor die Tür ins Schloss fiel.
Oben auf meinem Futon liegend, genoss ich die Stille und dachte darüber nach, woher der Ekel Sartres gekommen war. Von über- und vorlauten Nachbarn vielleicht? Und war hier auch der Grund dafür zu finden, warum er es bis zu seinem Tode vermied, einen festen Wohnsitz zu haben und lieber in Hotelzimmern schlief?
Ich halte das für eine durchaus plausible These, der ich eine genauere Untersuchung wünschen würde.