Fürsorge und Vernunft

Als ich meinen Sohn und zwei Nachbarsjungen mit dem Bus vom Kindergarten abhole, möchte ich am liebsten vor Scham im Boden versinken. Die Kinder streiten sich um den einzigen freien Fensterplatz. Mein Sohn fängt an zu weinen, die anderen bilden höhnische Sprechchöre, er haut auf einen von ihnen ein, der daraufhin ebenfalls den Tränen freien Lauf gibt.  In der Sitzreihe gegenüber liest ein Mann ein Buch von Michel Foucault, „Dispositive der Macht“. Als wir aussteigen, um die Linie zu wechseln, fragt er: „Wollen Sie aussteigen oder müssen Sie?“ „Das ist in diesem Falle identisch“, antworte ich, froh auch in dieser peinlichen Situation noch einen Rest intellektueller Würde bewahren zu können.

Schnipsel des Monats

Mai 15, 2009

Zimmer 11

Das Telefon klingelte. „Guten Tag, Verkehrsforschung und Infrastrukturplanung…“ Weiter kam ich nicht, denn der Anrufer sagte grußlos: „Ich will den Meyer sprechen, Blinddarm, Zimmer 11.“

„Ähm“, antwortete ich. „Sie wollten sicherlich in einem Krankenhaus anrufen…“

„Ja, Meyer, Zimmer 11.“

„Ja, aber hier ist kein Krankenhaus, hier ist ein Verkehrsplanungsinstitut. Sie haben bestimmt die falsche Nummer.“

„Nee, die steht ja hier auf’m Umschlag. Meyer, Zimmer 11.“

Nicht auch noch so einer, kurz vorm Wochenende! „Na ja, vielleicht haben Sie sich vertippt! Wählen Sie doch einfach noch mal. Auf Wiederhören.“ Schnell legte ich auf.

Eine Sekunde später kam mein Kollege aus dem Nachbarzimmer.

Das Telefon klingelte erneut.

Bevor ich etwas sagen konnte, hatte er sich den Hörer gegriffen. „Ich will auch mal!“, verkündete er gut gelaunt. Dann säuselte er ins Telefon: „Guten Tag, Verkehrsforschung…“

Stille. Ein verdutzter Blick.

„Meyer? Zimmer 11? Hmmm. Sagen Sie mir mal bitte Ihre Nummer.“

Er nahm sich einen Zettel und kritzelte einige unleserliche Zahlen darauf. „OK. Danke. Herr Meyer meldet sich dann demnächst bei Ihnen. Schönes Wochenende noch.“

Axel Klingenberg

Mit gehöriger Verspätung hier nun die Fotos von der letzten Küche …

Alle Fotos von Andreas Reiffer.

Der Herr Verleger hat die großartige Idee gehabt, als Ziel des diesjährigen Betriebsausfluges die Buchmesse in Leipzig anzuvisieren. Buchmessen sind so was wie Familientreffen für die Angehörigen des Literaturbetriebs. Alle kommen zusammen und sich wichtig vor: Autoren, Verleger, Redakteure, Lektoren, Übersetzer, Kritiker, Buchhändler, Antiquare, Drucker, Veranstalter und Agenten. Sogar Leser sollen dort schon gesichtet worden sein.

Frühmorgens, kurz nach acht, trafen wir uns an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig, um von dort aus gemeinsam loszufahren. Sofort begannen wir – inspiriert von dieser akademischen Aura – über Erzählperspektiven und den Einfluss des epischen Theaters auf die Telenovela „City of men“ zu schwadronieren. Noch bevor alle Mitfahrer beisammen waren, versiegte unser fundiertes Halbwissen jedoch zu einem schmalen Rinnsal unverständlichen Murmelns, so dass wir unsere Aufmerksamkeit bald wieder auf die wichtigen Dinge des Lebens lenkten, nämlich auf die Qualität des eben gerade gekauften Kaffees bzw. Coffee to gos. Wenn auch der Ausdruck „Qualität“ in diesem Zusammenhang eigentlich eher irreführend ist.

Nach einer nicht unbeträchtlichen Zeit des Wartens stieß auch Herr Kremer, der letzte Reisegesellschafter, dazu. Sein Kaffee, den er sich seltsamerweise am Bahnhof am anderen Ende der Stadt gekauft hatte (was immerhin die eigentlich unverzeihliche Verspätung erklärt), schmeckte genau so wenig wie der hier erworbene. Nach einem halben Dutzend schnell noch gerauchter Zigaretten fuhren wir dann doch noch los. Schon nach wenigen Minuten sank das Niveau unseres Betriebsausfluges auf das einer Klassenfahrt herab.

In Leipzig angekommen befanden wir uns daher schon fast auf Augenhöhe mit den zahllosen angereisten Manga-Fans. Die weiblichen von ihnen trugen zumeist unnötig kurze Röcke und himmelblaue Schlüpfer (sogenannte „Manga-Tangas“), die männlichen Tierkostüme. Beides könnte als Ausdruck einer sexuellen Obsession interpretiert werden.

Wir taten das, was man auf einer Buchmesse eben so tut: Herumstehen und reden. Bücher schaut man sich eigentlich nicht an, denn das kann man viel besser in Buchhandlungen. Auf Buchmessen geht man, um zu reden. Zum Beispiel mit realexistierenden oder potentiellen Verlegern. Ist gerade kein solcher greifbar, kann man sich aus was vorlesen lassen.

Lesungen sind auf der Buchmesse nämlich an jeder Ecke. Wir hätten auch Wolf Biermann lauschen können, wollten uns aber nicht den Tag verderben. Zu Wiglaf Droste stießen wir jedoch nicht vor, denn die Wolf-Biermann-Meute wollte nicht gehen. Vielleicht wollte auch Wolf Biermann nicht gehen und zwang seine Jünger, zu seinen Füßen hocken zu bleiben und die Auf-und-ab-Bewegungen seines Schnauzbartes andächtig zu verfolgen.

Deshalb gingen wir an einen anderen Ort, an dem gelesen wurde. Hier rezitierten Dichter und Dichterinnen aus ihren Gedichten. Einer der Dichter sagte, er habe einen Textzyklus bekommen, worauf mein Verleger laut fragte, ob er vielleicht in Wirklichkeit eine Dichterin sei. Ich lachte und distanzierte mich umgehend von dieser geschmacklosen Äußerung. Worum es in den Werken ging, weiß ich nicht genau, aber „Ficken, ficken, ficken“ war wohl ein Thema (diese Worte wurden zumindest gebetsmühlenartig wiederholt) bzw. – in einem anderen Prosagedicht – „Beruhigen, beruhigen, beruhigen“. Die Wiederholungen wiederholten sich unaufhörlich. Dann las ein Slammer Texte vor, in denen es um „Loops, Loops, Loops“ ging. Im Gegensatz zu den Dichtern und Dichterinnen davor hörten die Menschen ihm aber auch zu, lachten und lachten und lachten und klatschten und klatschten und klatschten. Ein Kundschafter berichtete, dass Wolle Biermann immer noch seinen Schnauzer tanzen ließ.

Dann standen wir wieder im Gedränge herum und redeten. Unsere geleaste Messehostess ging sich unterdessen „mal eben frisch machen“. Es dauerte sehr lange, bis sie wiederkam, was wohl daran lag, dass die Damentoilette von Wolf Biermann-Fans belagert wurde, der sich dort in einer Kabine eingeschlossen hatte, um ungestört „Auferstanden als Ruine“ zu singen. Für den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung kann ich mich jedoch nicht verbürgen.

Gegen Abend hatten wir es geschafft und durften gehen bzw. fahren. Das Gedränge in der Innenstadt war sehr groß, fast wie auf der Buchmesse selbst. Wolf Biermann war aber nirgends zu sehen. In einer kleinen Gasse war es am schlimmsten: Auf beiden Seiten Straßencafés mit zahllosen Tischen, Stühlen und Heizpilzen. Ich sagte gerade zu Herrn Pollex „so etwas wäre in Braunschweig nicht erlaubt, da würden sofort ein paar Piesepampel einschreiten und ein baldiges Verbot fordern“, als Herr Kremer zu uns aufschloss und „so etwas wäre in Braunschweig nicht erlaubt, das sollte man auch hier sofort verbieten“ grallte.

Wir beschlossen, den Abend mit einem zünftigen Konzert zu beschließen. Der Herr Verleger wusste auch schon was und schleppte uns zu einer Veranstaltung, in der vertonte Gedichte eines von ihm verlegten Autoren vorgetragen wurde. Um die Knebelverträge über unsere nächsten Bücher nicht zu riskieren, klatschten wir frenetisch Beifall. Seltsamerweise ließ Wolf Biermann auch diese Bühne unbehelligt.

Ich bin froh, wieder zuhause zu sein und schreiben zu dürfen, schreiben zu dürfen, schreiben zu dürfen.

Ich arbeite gerade an einem fünfzehnseitigen Prosagedicht, das ausschließlich aus den Worten „Ficken“ und „Beruhigen“ und „Loops“ bestehen wird.

Aber ich glaube, ich beginne mich zu wiederholen.

Axel Klingenberg

Um mehr Traffic auf meinen Blog zu ziehen, nein, natürlich nicht, sondern für das Reinhören in die letzte Gerüchteküche vom 8. Januar, stehen hier ein paar Gute Nachrichten zum Reinhören und Downloaden bereit. Viel Spaß damit.

Jetzt anhören

Download: Marcel Pollex liest Gute Nachrichten. (Rechtsklick > Ziel speichern unter …)

Mehr davon.

Punchliner-Leseprobe

Januar 12, 2009

Norddeutschlands beliebteste Satire-Anthologie „The Punchliner“ wurde bereits hier ausführlich vorgestellt. Wem das noch zu wenig ist, der kann auf der Seite vom Verlag Andreas Reiffer oder direkt hier einen Blick in die Leseprobe werfen.

Viel Spaß beim Lesen!

Alle Fotos von Andreas Reiffer.

Der 2. offizielle Podcast

Dezember 16, 2008

Nach 6 Monaten Pause steht hier nun on nobody’s demand der neue Bumsdorfer Gerüchteküchen-Podcast zum Download und Anhören bereit. Unsere technischen Möglichkeiten haben in der Zwischenzeit nur lausig funktioniert, deshalb mussten wir leider auf Aufnahmen verzichten.

Nachdem Roland und ich bezüglich des letzten Podcasts einigen Ärger haben einstecken müssen, weil wir zuviel Unsinniges geredet haben, ist dieser Podcast nun noch um 10 Minuten länger geraten als der letzte. Über Rückkopplung wären wir natürlich höchst erfreut. Es gibt Beiträge zu hören von Axel Klingenberg, Daniel Terek, Roland Kremer, Marcel Pollex und den Küchengästen Hauke Trustorff und Kai-Olaf Stehrenberg. Das Ganze ist eine Aufzeichnung der Bumsdorfer Gerüchteküche vom 11. Dezember 2008. Viel Spaß dabei!

Mit dem größten Vergnügen: Marcel Pollex

Jetzt anhören: 

Download: 20081211 Der Bumsdorfer Gerüchteküchen-Podcast (Rechtsklick > Ziel speichern unter …)

Alle Fotos von Andreas Reiffer.

Wenn mein Schwager mich begrüßt, tätschelt er zärtlich meinen Bauch. „In welchem Monat bist du denn?“, fragt er dann.

In Wirklichkeit meint er natürlich: „Du bist zu dick!“

Das stimmt aber gar nicht, denn in Wirklichkeit bin ich bloß co-schwanger.

Co-schwanger wird man, wenn man sich so in seine schwangere Frau einfühlt, dass man die gleichen Symptome zeigt wie sie. Das zeugt von großer Sensibilität.

Sie hat einen Bauch. Ich auch.

Sie hat Rückenschmerzen. Ich auch.

Sie übergibt sich jeden Morgen. Ich nicht.

Irgenwo hört die Solidarität ja auch mal auf. Ich übergebe mich nur, wenn ich am Abend zuvor zuviel Bier getrunken habe.

Meine Frau sagt, ich solle kein Bier trinken. „Co-Schwangere trinken keinen Alkohol“, sagt sie, „nur Kamillen- und Rotbuschtee.“

„Okay“, erwidere ich, „mir ist sowieso schon schlecht, dann kann ich auch Pflanzensud schlucken.“

Gegen Abend – die Kopfschmerzen haben schon deutlich nachgelassen – bekomme ich Hunger. Ich durchsuche unsere Vorratskammer und den Kühlschrank.

Vorwurfsvoll gucke ich Anita an. „Hattest du eine Fressattacke?“, frage ich sie.

„Nein, ich bin bloß nicht zum Einkaufen gekommen“, antwortet sie, „Mein Rücken…“

„Du kannst es ruhig zugeben“, sage ich, „du bist doch schwanger, da ist das normal.“

„Aber…“

„Ahhh, hier sind ja noch saure Gurken“, stelle ich erfreut fest, „Und Salzstangen und Schokoküsse. Und Trockenobst.“

„Das willst du doch wohl nicht alles essen!“ Anita ist entsetzt.

„Natürlich nicht. Ich mag doch gar kein Trockenobst.“

Dann setze ich mich vor den Fernseher, esse die Gurken (viel Wasser, das ist gut), dann die Salzstangen (viel Salz, das ist noch besser), dann die Schokoküsse (viel Zucker und Fett, das ist am besten). Dann wieder Gurken.

Dann renne ich aufs Klo und übergebe mich erneut. Wie gute Ehemänner das eben so tun, wenn sie sich einbilden, sie seien schwanger.

Anita ruft mir durch die Badezimmertür zu, ich solle im Wohnzimmer schlafen. Manchmal denke ich, dass sie irgendwie sensibler sein könnte. Als ich ihr das sage, schlägt sie mir vor, in eine Selbsthilfegruppe für Co-Schwangere zu gehen.

Ich halte das für eine gute Idee. Nächsten Samstag treffe ich mich deshalb wieder mit dem Dieter in der Kneipe. Der ist nämlich auch co-schwanger.

NICHT VERGESSEN:

„Heimatliches, Weihnachtliches und der ganze Rest“ – Lesung mit Axel Klingenberg und Gebäck und Getränken

4. Dezember, 19.30 Uhr

Öffentliche Bücherei Wenden, Heideblick 20, Braunschweig-Wenden

Eintritt: 6,- Euro, für Schüler frei

Kartenvorbestellungen unter: 05307/1502